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Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit


Bürgermeister Karl-Heinz Panten (vorne) dankte einigen Mitgliedern des Öffentlichkeitsausschusses, Jenna Timm (v.l.), Markus Klein, Vorsitzender Patrick Petersen-Lund und Elfi Saupe für die Organisation der KulTour 2019. Auch zum Ausschuss gehören Horst-Dieter Hartmann, Klaus Poggensee und Derk Westheide. Foto: Panten


So vielfältig wie die Bewohner eines Dorfes sind, so sind auch ihre Interessen und Hobbys. Bürgermeister Karl-Heinz Panten lobte, dass die KulTour mittlerweile zu einer Tradition im Dorf geworden ist, bei der sich Viele einbringen können, durch ihre Präsentationen ebenso wie durch ihr Interesse. Etliche Aussteller der gut 20 Aussteller kamen bei der siebten Folge der KulTour in der Gerhard Lawerentz-Mehrzweckhalle mit den Besuchern ins Gespräch, die sich gegenseitig ihre Favoriten zeigten. Eine Acrylmalerei mit Federn und Spitze als Hommage an Karl Lagerfeld von Bettina Ziegenbein, leuchtende Farbspiele von Anne Soldat, Fotocollagen von Stephan Tödt oder großformatige Fotos auf Leinwand von Frank und Yannick Timm wurden dabei immer wieder genannt. „Sehr beachtlich, was hier immer wieder auf die Beine gestellt wird“, stellte eine Besucherin aus Kisdorf fest und eine andere aus Nützen freut sich schon auf den nächsten Sonnabend. Dann wird in der gleichen Halle Halloween gefeiert.

„Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit“, hat Komiker Karl Valentin einmal gesagt. Wie wahr diese Beobachtung ist, zeigte der Tag mit Workshops und Ausstellungen in der Schule und der Halle. Zählt man die Stunden zusammen, die Maler, Graphiker, Fotografen, Stoff- und Holzwerker für die gezeigten Werke investiert haben, wird deutlich, dass „künstlerisches Schaffen immer auch ein Sieg über die menschliche Trägheit ist“, so Herbert von Karajan. Eine Fülle an visuellen Eindrücken wurde den rund 300 Besucherinnen und Besuchern geboten, die mitgingen bei dieser besonderen Tour im Dorf. Die sieben Mitglieder des Ausschusses für Öffentlichkeitsarbeit unter der Leitung von Patrick Petersen-Lund hatten Hartenholmer eingeladen, ihren Mitbürgern einen Querschnitt ihres gestalterischen Könnens zu präsentieren. Dem Ausschuss gehören darüber hinaus Horst-Dieter Hartmann, Markus Klein, Klaus Poggensee, Elfi Saupe, Jenna Timm und Derk Westheide an.

Die Präsentation reichte von Zeichnungen der talentierten Frederike Schirrmann und der syrischen Schülerin Layan Alkasem über Fotografien, die die Welt nach Hartenholm holten von den Mitgliedern der Familie Timm oder Klaus Siewert bis hin zu Maler Peter Kramer, der seine Werke in verschiedensten Maltechniken bereits in Einzelausstellungen erfolgreich präsentiert hat. Karl Stoltenberg arbeitet mit Holz und Steinen, die er zu Skulpturen verbindet, einige Landfrauen haben eine Nähgruppe ins Leben gerufen, um Patchwork- und Quiltkunst für den Alltagsgebrauch zu gestalten. Gabi Andresen und Ingrid Schlenke gaben vielen weiblichen Besuchern Tipps und Hinweise, sie sie selbst tätig werden können.

In der Schule nahmen vormittags 25 Interessierte an drei Workshops teil. Frederike Schirrmann ist erst 14 Jahre alt, aber bereits seit Jahren eine talentierte Zeichnerin. Sie gibt auch während der Ferienspaßaktionen gern ihre Kenntnisse weiter. Sie arbeitete mit sechs Schülern unterschiedlichsten Alters daran, auf einen Grundkreis aufbauend verschiedene Tiere wie Vögel oder Eisbär zu zeichnen. Das feine Ausarbeiten von Federn und Fellstruktur machten die Zeichnungen lebendig und ausdrucksstark.

Auch Elfi Saupe ist mit ihrer Malschule im Ort ein Begriff. Bereits 2014 hatte sie bei der zweiten KulTour einen Workshop angeboten und mit den Teilnehmern Schweine gemalt, die damals für großes Entzücken bei den Betrachtern sorgten. Dieses Mal unterrichtete sie in einer „Baumschule“, wie sie erzählte. Wald und Bäume waren das Thema, das die Teilnehmer mit Acrylfarben in zwei Stunden sehr gelungen umsetzten. Bäume in herbstlichen Farben erfreuten die Betrachter bei der Ausstellung in der Aula.

Markus Klein gestaltet seit Beginn der Veranstaltungsreihe die aussagekräftigen Plakate. Er zeichnet darüber hinaus Comics, hat schon Musik-Workshops durchgeführt und ist ein vielseitiger Fotograf. 15 Teilnehmer führte er zuerst theoretisch ein in die Wirkung von Perspektiven, die Bildgestaltung und gab Tipps zu Harmonie und Dynamik. Vier Aufgaben verteilte er an die Fotografen, die sich in der und um die Schule aufmachten, um ihre ganz besondere Sicht auf Dinge festzuhalten. „Für die kurze Zeit, die wir hatten, wurden die theoretischen Informationen gut umgesetzt“, lobte er bei der Präsentation mit einer Bilderschau. Etwa 50 Zuschauer verfolgten das interessiert, welche ungewöhnlichen Ansichten ganz alltäglicher Dinge im Bild festgehalten wurden. Eine der Besucherinnen sprach ihn anschließend an, ob der diesen Kursus nicht öfter mit verschiedenen Themen fortsetzen könne.

Nach so viel Eindrücken von bildender Kunst in seiner ganzen Bandbreite war es gut, dass es die Landfrauen übernommen hatten, im Dorfhaus die Cafeteria zu betreiben. Hier konnten sich die Besucher bei Kaffee, Kuchen oder Suppe über das Gesehene austauschen und ihre Eindrücke verarbeiten.

Wer war Ervin Bossányi?

Marius Neuhaus fand auch deshalb aufmerksame Zuhörer bei seinem Vortrag zum Ende der KulTour vor. Er hatte sich mit den beiden Wandreliefs beschäftigt, die im Dorfhaus hängen und früher die örtliche Meierei schmückten. Sein Vortrag klärte über Leben und Schaffen des Künstlers Ervin Bossányi auf, der diese in den 1920er Jahren geschaffen hatte. „Das möchte ich doch einmal genau wissen“, hatte sich der Hartenholmer Marius Neuhaus schon öfter gedacht. Immer, wenn er als „Zugerzogener“ im örtlichen Dorfhaus das dort hängende weiteilige Wandrelief sah, fragte er den einen oder anderen Mitbewohner nach dessen Bedeutung. „Das hing früher an der Außenwand unserer Meierei“, wussten ältere Hartenholmer. Sozialpädagoge Neuhaus machte sich auf die Spur, um mehr über diesen Künstler zu erfahren. Der gebürtige Ungar (1891 bis 1975) zählte den bedeutenden Glasmalern des 20. Jahrhunderts. Werke von ihm sind in vielen Ländern zu sehen.

Neuhaus berichtete gut 40 Zuhörern vom Lebensweg des jüdischen Künstlers, der eine ganz eigene Kunstart pflegte. Sein expressionistischer und neusachlicher Stil zeigte ein idealisiertes Menschenbild in einer heilen Welt. Der junge Künstler hatte kurz vor dem ersten Weltkrieg seine Heimat verlassen, um in Paris zu studieren. Dort wurde er mit Kriegsbeginn interniert und kam nach der Lagerzeit 1919 für zehn Jahre nach Lübeck. Hier schuf er Wandreliefs, Figuren und Fresken mit spirituell-symbolischen Motiven, unter anderem in der Stadtbibliothek Lübeck im Jahr 1926. Diese wurden später während der Nazi-Herrschaft übermalt, weil Bossányis Werke als entartete Kunst galten. Für Bad Segeberg schuf der gebürtige Ungar die Brunnenfigur der „Gänseliesel“ an der Kurhausstraße, für die dortige Meierei die beiden heute in Hartenholm hängenden Wandreliefs mit Frauen in der Landwirtschaft beim Melken und bei der Verarbeitung der Milch.

Bronzefiguren und -leuchter, Bilder wie die „Lichtanbeterin“ oder „Der Traum“ entstanden und auch zwei Figuren für die Margarinefabrik Voß in Hamburg Barmbek. „Ich dachte, ich gucke nicht richtig“, schilderte Marius Neuhaus die zufällige Begegnung mit den Skulpturen. In zwei Wandnischen an dem Gebäude aus dem Beginn des 20. Jahrhunderts standen ein Angestellter und ein Arbeiter, signiert von Bossányi. „Ich kam mir vor wie ein Entdecker“, verriet der Hartenholmer. Die enge Zusammenarbeit mit dem bekannten Architekten und Stadtplaner Fritz Schumacher förderten die Karriere des mittlerweile verheirateten Bossány. Während Schumacher der Stadt ihr Rotklinkergesicht gab, sorgte der Künstler beispielsweise mit den großen Fenstern des Krematoriums in Hamburg Ohlsdorf für Lichtdurchlässigkeit und strahlende Motive voller Geborgenheit. „Und das, als schon die Nazis durch die Stadt marschierten“, betonte Marius Neuhaus.

1934 musste der Künstler seine zweite Heimat mit Frau und Sohn verlassen. Er emigrierte nach England. Dort dauerte es bis zum Anfang der 1950er Jahre, um wieder als Künstler Fuß fassen zu können. Dann aber widmete er sich bis zu seinem Tode der Glasmalerei, die unter anderem in Werken in Albert und Victoria Museum in London, in der Kathedrale Canterbury oder dem York Minster noch zu sehen sind.

„Wie gut, dass diese beiden Reliefs nach dem Abriss der Segeberger Meierei nach Hartenholm kamen und auch hier später nach dem Umbau des alten Gebäudes nicht zerstört wurden“, betonte Marius Neuhaus beim Fazit seiner Spurensuche. So erinnere hier in Hartenholm das Werk an einen Künstler, der seines Glaubens Willen vertrieben und fast vergessen wurde.