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Ein Mann und 50 Landfrauen


Autor Rainer Hüls aus Hamburg stellte beim Frühstück der Landfrauen seine Erzählung „Frühling aus der Asche“ vor. Die Vorsitzenden Tamara Wiemer (rechts) und Gaby Thomsen dankten ihm für die anrührenden, aber auch fröhlichen Erinnerungen aus der Nachkriegszeit. Foto: Panten


50 Frauen und ein Mann. „Nutz die Chance, das kommt nicht wieder“, forderte Gaby Thomsen, die stellvertretende Vorsitzende der Landfrauen, ihren ehemaligen Schulkameraden Rainer Hüls mit einem Lächeln auf. Sie hatte den Hamburger Autor und Journalisten zum Frauenfrühstück in das Dorfhaus eingeladen. Dieses stand unter dem Motto, „Alte Rezepte neu erleben“. An den österlich dekorierten Tischen versammelten sich die Damen in bester Frühlingsstimmung und wurden gleich vom Chor „Sing for Fun“ unter der Leitung von Eva-Christine Lampe begrüßt. „Morgens bin ich immer müde“, sangen die Damen schwungvoll nach dem Oldie von Trude Herr. Lieder wie die deutsche Fassung von Leonard Cohens „Halleluja“ oder „I have a dream“ von Abba wurden mit viel Gefühl und Ausdruck interpretiert.

Ein Frühstücksbuffet vom Feinsten wurde den Gästen geboten. Von der Fischplatte über eine beeindruckende Käseauswahl und Salaten bis hin zu Apfelküchlein und einer prächtigen Schmetterlingstorte sorgten für Leckereien, die der Gast aus Hamburg in der Nachkriegszeit seiner Heimatstadt nicht kannte. Der 72-Jährige führt einen Fachverlag und gibt drei Fachzeitschriften zu den Themen HNO Heilkunde und Hörakustik heraus. Mehrere Fachbücher hat er dazu geschrieben, aber mit „Frühling aus der Asche“ auch eine Erzählung für alle, die sich selbst noch an die Zeit nach dem zweiten Weltkrieg erinnern und für die Nachkommen, für die er Augenzeugenberichte bewahren möchte.

Hüls, ein studierter Volkswirt, nutzt die Geschichte dabei als Kulisse seiner Erinnerungen und hat mit dem Bild einer leuchtend gelben Tulpe vor den Hamburger Kriegsruinen angeknüpft an die griechische Mythologie des Phönix, der aus der Asche steigt. Wie jener stieg Deutschland nach 1945 zu neuem Leben auf. Die im Sonnenlicht aufwärtsstrebende Tulpe ist ein Symbol für die Veränderlichkeit des Lebens, die Liebe und den Frühling. Die Michaeliskirche, die im Hintergrund zu sehen ist, war wie durch ein Wunder stehen geblieben, während alle Wohnhäuser ringsum völlig zerstört wurden. Auch sie ist ein Symbol, nämlich des Glaubens, der half, zu überleben.

Ganz still war es, als Hüls von den Luftangriffen auf Hamburg 1943 berichtete, vor denen seine Eltern durch die Flammenhöllen flüchteten, nachdem sie im Hammer Park in einem Teich ihre Kleidung wässern konnten. 15 Kilometer ging es zu Fuß nach Meiendorf, wo sie in einer Holzhütte bei Verwandten unterkamen. In deren Einfamilienhaus leben damals 20 Menschen. Für die Ausgebombten musste Platz gemacht werden. „Die erste warme Mahlzeit meiner Erinnerung sind gekochte Brennnessel mit Kartoffelstampf“, erzählte Hüls. Gelebt wurde von allem, was der Garten hergab.

Erinnerungen schilderte er authentisch unter häufigem Kopfnicken der Zuhörerinnen, die in ihren eigenen Jugendjahren ähnliches erlebt hatten. Die Krönung von Königin Elisabeth 1953 konnte schon am einzigen Fernseher erlebt werden, den es bei den Verwandten gab. Auch das „Wunder von Bern“ wurde mit der ganzen Nachbarschaft gefeiert. „Wir Kinder merkten, dass Deutschland etwas Großes sein musste – und Meiendorf gehörte dazu.“

Der Hamburger erzählte von Kriegsheimkehrern, die über Jahre erschöpft waren und nie wieder auf die Beine kamen, von der Not vieler Familien und der langsamen Erholung. Onkel und Tante lernten einen jungen Sänger mit dem Namen Freddy Quinn kennen. Der sang für eine Mahlzeit in der Washington Bar und schlief einige Nächte bei ihnen am Hohenzollernring auf dem Sofa. Seine erste Platte, der Erfolg „Heimweh“, wurde ihm 1956 mit 250 D-Mark vergütet. Die erste Zeile „Brennend heißer Wüstensand“ wurde in einer ungeheizten Halle aufgenommen bei Außentemperaturen von minus 25 Grad. Die Musiker spielten im Mantel, Quinn sang in doppeltem Pullover und mit Mütze auf dem Kopf. „Auch als Star hatte er noch lange Kontakt zu Onkel und Tante“, erinnerte sich Hüls.

Eine zweite Erzählung hat der Autor in Arbeit: „Stürme im Sommer“. Von 1965 bis 1980 begleitet er darin die Zeit-Ereignisse wie die Auftritte der Rolling Stones in Hamburg, die Jugend der 69er, die Verbrechen der RAF oder die Zeit Willy Brandts.